Gendersprache


Was ist Wissenschaft, und was sagt sie uns über das Gendern?


Ist Wissenschaft in einer Diskussion über das Gendern wichtig? Offenbar, denn Befürworter und Gegner des Genderns berufen sich darauf. Aber nicht alles, was ‹Wissenschaft› genannt wird, ist es auch. Manchmal ist es gut, still zu stehen und sich zu überlegen, was mit ‹Wissenschaft› gemeint ist.

Auch nicht alles, was aus Bildungsinstitutionen kommt, ist wissenschaftlich begründet. So beschwert sich Prof. Dr. Katerina Stathi (Professor für deutsche Sprachwissenschaft am Germanistischen Institut der WWU Münster) zur laufenden Debatte über das Gendern in einer Meldung ihrer Universität1: «es stimmt mich […] bedenklich, dass wissenschaftliche Argumente ausgerechnet an vielen Bildungsinstitutionen keine Rolle mehr spielen».

Die meisten Befürworter des Genderns sind übrigens selbst keine Sprachwissenschaftler – und ihr Verhalten suggeriert oft, dass sie auch nicht wirklich wissen, was Wissenschaft im allgemeinen ist.

Als Berufswissenschaftler halte ich es für wichtig, dass wir uns darüber im Klaren sind, was Wissenschaft ist. Ich will auch, dass meine Studenten ein klares Verständnis von Wissenschaft haben.

Abschnitte auf dieser Seite:

Das bisher Besprochene:

Was erwartet man von Wissenschaft?

Knapp zusammengefasst kann man sagen: Von wahrer Wissenschaft erwartet man heutzutage

Je nach Zweig der Wissenschaft kann es noch zusätzliche Erwartungen geben (z.B. dass ein Altphilologe die lateinische Sprache gelernt hat).

Wissenschaft ist also nicht bloß das, was irgendjemand lautstark behauptet. Man kann wissenschaftliche Erkenntnisse überprüfen und kritisieren. Echte Wissenschaft beruht auf Gedankenfreiheit und Redefreiheit. In Diktaturen (theokratischen, kommunistischen, nationalsozialistischen, islamistischen, usw.), wo es solche Freiheiten nicht gibt, kann es bestenfalls nur minderwertige Wissenschaft geben.

Es geht in der Wissenschaft um Wissen, das nicht rein subjektiv ist, sondern eine allgemeine Gültigkeit für sich beanspruchen kann, eben weil die Art und Weise des Erlangens dieses Wissens, wie oben beschrieben, inter-subjektiv, überprüfbar und kritisierbar ist: Ich sage dir, wie ich zu einer Erkenntnis gekommen bin, du kannst es mir nachmachen und überprüfen, ob ich es richtig gemacht habe, und dann kannst du entscheiden, ob du mit meinen Schlussfolgerungen einverstanden bist oder nicht. Das Prozedere der Wissenschaft ist das Gegenteil eines Religionskrieges.

Wissenschaftler sind Menschen, die beruflich in einem Zweig der Wissenschaft tätig sind. (So gibt es Sprachwissenschaftler, Ernährungswissenschaftler, usw. usw.) Dadurch kennen sie sich besser als die meisten Menschen in den relevanten Daten ihres Faches aus und haben Erfahrung in der Forschung, d.h. im Erzeugen neuer Erkenntnisse.

Aber ein Wissenschaftler soll auch dazu fähig sein, zu erklären (siehe oben), wie er zu seinen Schlussfolgerungen gekommen ist, und er sollte diese Schlussfolgerungen auch gegen Kritik anderer verteidigen können (oder gestehen, dass seine Schlussfolgerungen verbesserungsbedürftig sind). Umso mehr ist dies so, wenn die Forschungsergebnisse Konsequenzen in einer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft haben können3. Kritiker müssen nicht unbedingt aus demselben eng definierten Fach sein, müssen auch keine ‹Fachidioten› sein, die nichts außerhalb des eigenen Faches wissen. Es können auch durchaus vernünftige Leute sein, die nicht hauptberuflich im selben wissenschaftlichen Fach, oder vielleicht gar nicht in der Wissenschaft beruflich beschäftigt sind, obwohl eine solche Beschäftigung natürlich vorteilhaft ist.

Auch wenn gewisse Forschungsbereiche höchst technisch und kompliziert sind, geht es grundsätzlich nicht an, dass ein Forscher sich überheblich von seinem selbst gemachten Elfenbeinturm aus zu einer jenseits aller Kritik erhobenen Person erklärt. Charismatische Priester machen das vielleicht, aber echte Wissenschaftler nicht.

Die Frage des Genderns-oder-Nicht-Genderns ist wirklich nicht so kompliziert, dass irgendein selbsternannter Experte als alleinige Autorität angesehen, verehrt und ihm gehorcht werden müsste. Ein dreist verkündetes, für Kritik nicht offen stehendes, angebliches Expertentum darf in dieser Frage nicht zu einer Meinungsdiktatur führen.

Wer ist eigentlich ein Experte?

Nehmen wir als Beispiel dieser Tendenz zu einem vermeintlichen, sich gegen kritische Überprüfung verschließenden, inappellablen (Jaspers) Expertentum bei den Befürwortern des Genderns Prof. Dr. Damaris Nübling (an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, «Expertin für Genderlinguistik»). In einem Interview in der FAZ meint sie, dass die Kritik am Gendern, die schon mehr als 1100 Sprachwissenschaftler und Philologen und mehr als 5500 andere mehrheitlich akademisch gebildete, mit Sprache arbeitende Personen auf https://www.linguistik-vs-gendern.de unterschrieben haben (Stand: 15.11.2024), nicht zählt. Sie sagt:

In der Tat sind viele davon keine Fachleute für germanistische Linguistik. Die bräuchte es aber, es geht hier ja ums Deutsche. Für die Punkte, um die der Aufruf kreist – etwa das Verhältnis zwischen Genus und Geschlecht –, ist die Genderlinguistik zentral.

Vielleicht klingt diese Argumentation richtig, aber in Wirklichkeit haben wir es hier mit einem Taschenspielertrick zu tun. Nübling beansprucht für sich ein willkürliches, angeblich unanfechtbares Expertentum (in «Genderlinguistik») – offenbar um eine echte, offene Erklärung und Verteidigung ihrer Standpunkte zu vermeiden.

Zwei Fehler fallen in dieser Aussage von Prof. Nübling sofort auf. Der eine Fehler betrifft Expertise, der zweite betrifft die Frage nach der Wirkung des Genderns, die nicht auf das Deutsche beschränkt werden kann, sondern eine allgemein sprachwissenschaftliche Frage ist.

Erstens hat Prof. Nübling auf eine solche Anerkennung eines unanfechtbaren Expertentums sowieso keinen Anspruch. Jeder kann morgen ein neues Fach erfinden – aber keineswegs besitzt man dann auch gleich ein unanfechtbares Expertentum, wovor alle anderen sich sofort demütig verneigen sollen. Echte Wissenschaft lebt von Offenheit für mögliche Kritik. Man darf auch ernsthaft fragen, ob die «Genderlinguistik» (ähnlich wie «feministische Linguistik») überhaupt ein ernstzunehmendes Fach ist, oder ob sie bloß eine akademische Sekte ist4, die eigene ‹Fakten› schafft, etwa wie die Redaktion des Duden das auch macht. Es gibt einen klaren Hinweis dafür (siehe unten, bei ‹Assoziationsstudien›), dass dies tatsächlich der Fall ist. Prof. Nübling scheint aber auch zu schwanken: geht es um «germanistische Linguistik», wie sie zuerst sagte? Dann hätten die Germanisten auf https://www.linguistik-vs-gendern.de doch sicherlich das Recht, gehört und ernst genommen zu werden, auch wenn Prof. Nübling zwischendurch allzu herabwürdigende, unsachliche, diskriminierende und nicht relevante Seitenhiebe gegen einige der Unterzeichner macht. Dies allein schon deutet auf die Schwäche ihrer Behauptungen hin.

So schreibt Prof. Nübling: «Unter den Unterzeichnenden sind auch viele Emeriti und Pensionierte»5 und «viele von den Unterzeichnenden sind in einer anderen Zeit groß geworden» (ja, so steht es da: die «Unterzeichnenden», die also nach ihrer Meinung noch immer dabei sind, zu unterzeichnen). Für eine solche Darstellung gibt es ein Wort: Altersdiskriminierung. Man könnte nämlich auch meinen, dass ältere Wissenschaftler erfahrener und reifer sind und deswegen modischen Unfug leichter erkennen. Eine sachliche Verteidigung ihres Standpunktes fehlt. Sie beschränkt sich auf eine persönliche Diskreditierung ad hominem, weil sie nur allzu gut weiß, dass ihre Meinung wissenschaftlich unhaltbar ist.

Und wie steht es übrigens mit den Nichtpensionierten unter den Unterzeichnern? Zählen die plötzlich nicht, bloß weil «auch viele Emeriti und Pensionierte» mit unterschrieben haben? Und was ist mit denjenigen, die jünger als Prof. Nübling sind? Denn so jung ist sie selbst auch nicht. Auch pauschal, bluffend und nicht ganz so relevant (wie gleich unten erklärt wird) sagt sie: «Diejenigen, die den Aufruf unterzeichnet haben, repräsentieren nicht die in Forschung und Lehre aktive germanistische Linguistik.»

Eine Reaktion auf Prof. Nüblings verfehlten Rundumschlag finden Sie in einem Artikel in Die Welt: „Das verrät ein erstaunliches Maß an Ignoranz“6.

Eine klare Gegnerin des Genderns wie Dr. Ewa Trutkowski (um nur ein Beispiel zu nennen; weiter unten wird sie zitiert) arbeitet in der germanistischen Linguistik und kann nicht durch Nüblings saloppe Altersdiskriminierung angeschwärzt werden. Prof. Nüblings versuchte pauschale Verurteilung der Kritiker als fachfremd und älter stimmt einfach nicht.

Gleich darauf scheint für Prof. Nübling germanistische Linguistik dann doch wieder nicht so wichtig zu sein (übrigens: Heldin Nummer 1 der feministischen Linguisten in Deutschland, Luise F. Pusch, ist keine Germanistin), indem sie «Genderlinguistik» fordert. Vielleicht weil es zu schwierig wäre, auf die Kritik in «Sprachen wandeln sich immer – aber nie in Richtung Unfug» von Josef Bayer (emeritierter Professor für allgemeine und germanistische Linguistik an der Universität Konstanz) einzugehen? «Die Belege sind erdrückend», schreibt Bayer über die Behauptungen der identitätspolitischen Befürworter des Genderns. «Man kann sich über so viel Ignoranz nur an den Kopf fassen. Dass diese Ignoranz ausgerechnet in den Universitäten zu Hause ist, wo man alle Chancen der Welt hätte, es besser zu wissen, ist eine beachtliche bildungspolitische und kulturelle Schande.»

Gerne hätte ich von Nübling gehört, warum die Worte von jemandem wie Bayer aus Gründen seines Alters nicht relevant sein sollten. Liebe Leser, vielleicht sind Sie und ich auch zu alt oder in der falschen Zeit groß geworden. Wir erfahren aber nicht, was an welcher Zeit falsch ist, denn Nübling sagt es uns nicht. Vermutlich denkt sie, ähnlich wie Luise F. Pusch, das Licht gesehen zu haben (auch Moralapostel sind eine Art von Aposteln), und meint deshalb, nichts näher erklären zu müssen. Dass die vermeintliche Überlegenheit auf heißer Luft basiert und verlogen ist, ist wieder eine andere Sache.

Assoziationsstudien

Die wissenschaftliche Argumentation der Befürworter des Genderns hängt von sogenannten Assoziationsstudien ab. (Diese werden terminologisch öfters dargestellt als ‹Psycholinguistik›. Echte, ernstzunehmende Psycholinguistik sieht anders aus.) Dr. Ewa Trutkowski hat in Die Welt solche Studien schon kritisiert und erklärt, was hieran nicht stichhaltig ist7:

In dem Kapitel zum generischen Maskulinum [im Buch „Genderlinguistik“ von Helga Kotthoff und Damaris Nübling] wird nahezu ausschließlich auf sogenannte Assoziationsstudien verwiesen. Diese sollen zeigen, dass Versuchspersonen bei maskulinen Nomen wie Bürger, Musiker oder Lehrer eher an männliche Individuen denken. In diesen Studien wird von Assoziationen auf Bedeutungen geschlossen. Das ist jedoch sehr problematisch, denn Assoziationen sind nicht nur hochgradig subjektiv, sondern geben auch ein unvollständiges Bild wieder, da die Bedeutung eines Wortes in den Tests auf einen bestimmten Kontext beschränkt wird.

Und weiter heißt es im Artikel von Dr. Trutkowski «Vom Gendern zu politischen Rändern» in der NZZ:

Wer Assoziationsstudien als Beleg für die fehlende generische Lesart von Maskulina ansieht und daraus die Notwendigkeit des Genderns ableitet (Stichwort: Sichtbarmachung der Frau und diverser Menschen durch alternative Formen), überhöht den Einfluss der Sprache und weist ihr eine determinative Komponente zu, die sie nicht hat: Was in den Köpfen ist, muss nicht unbedingt in der Sprache sein, und andersherum – sonst könnten nur Sprecher des Deutschen verstehen, was «Schadenfreude» bedeutet, weil anderen das Wort dafür fehlt, und Länder mit genuslosen Sprachen, wie zum Beispiel die Türkei oder Ungarn, wären bei der Geschlechtergerechtigkeit am weitesten vorgedrungen – beides ist nicht zutreffend.

(Meine Hervorhebung.) Dies ist eine – richtige – Kritik am längst widerlegten linguistischen Determinismus: einem anderen, schon längst zerfallenen, Stützpfeiler der Genderaktivisten. Hören Sie auch das Interview mit Dr. Trutkowski im 3Sat Fernsehen8 und lesen Sie auch die Aussage im von schon mehr als 1200 Sprach- und Literaturwissenschaftlern unterschriebenen Aufruf Linguistik vs Gendern9.

Wir brauchen überhaupt keine groß angelegten Studien, um zu entdecken, wie es mit Assoziationen läuft: einfache Selbstanalyse reicht schon. Wenn ich von ‹Judenverfolgung› höre, dann kommt mir vor Augen ein Bild von Frauen, die mit Kindern an der Hand auf den Zug nach Auschwitz warten, und ich denke an das Tagebuch von Anne Frank – obwohl das Wort ‹Juden› grammatisch männlich ist und obwohl es ein weibliches Wort ‹Jüdin› gibt.

Ein anderes Beispiel: Wenn ich ‹das Militär› höre, habe ich Männer vor Augen; höre ich ‹das Krankenhauspersonal›, dann sehe ich Frauen – obwohl die Nomina ‹Militär› und ‹Personal› grammatisch sächlich sind und in den Streitkräften (ein grammatisch weibliches Wort) und in Krankenhäusern Frauen und Männer arbeiten. Dies liegt einfach am Kontext. Alles Militärische wird traditionell eher mit Männern assoziiert. Wenn man ein Krankenhaus betritt, hat man zuerst mit Rezeptionisten zu tun (überdurchschnittlich Frauen) und sieht eher Pflegepersonal (wieder überdurchschnittlich Frauen) als andere Angestellte durch die Wandergänge gehen. Solche Assoziationen würden sich nur dann ändern, wenn das Heerwesen deutlich überwiegend aus Frauen bestünde und die Mehrheit der als Rezeptionisten und Pflegekräfte arbeitenden Menschen Männer wäre. Ähnliches gilt für technische Berufe.

Gesellschaftliche Realität schafft Assoziationen in der tagtäglichen Sprachverwendung. Es ist einfach nicht wahr, dass ‹Sprache Realität kreiert›, wie Genderaktivisten behaupten. Und auf grammatikalischer Ebene stimmt das doppelt nicht.

Wer in großem Detail nachlesen will, wie unseriös die wissenschaftliche Qualität solcher Studien ist, kann den Artikel von Tobias Kurfer in der Berliner Zeitung, «Streit ums Gendern: Nein, die deutsche Sprache diskriminiert Frauen nicht»10 lesen.

Also: In der Genderlinguistik glaubt man, dass in einer Fußgängerzone nur Männer gehen, und dass Frauen keine Diebe sein können. In Wirklichkeit aber hängt alles in den Assoziationsstudien vom aktuellen, individuellen, subjektiven Befinden der Versuchspersonen und von der Kontextualisierung durch den Interviewer ab. Sie sagen nichts über die allgemeine sprachliche Realität im Deutschen. Dennoch verkaufen die Genderaktivisten ihre Interpretation der Studien als objektive, allgemeingültige Wahrheit.

Neulich hat der Physiker und Kabarettist Vince Ebert in seinem Buch Wot se Fack, Deutschland? dem Gendern eine Seite gewidmet und sich ebenfalls über die angebliche Wissenschaftlichkeit der Assoziationsstudien gewundert11:

Alle bekannten Untersuchungen, die diese Hypothese angeblich untermauern, sind bei näherer Betrachtung wissenschaftlich nicht valide, weil nur weibliche Studenten aus der Genderforschung gefragt wurden, deren Aussagen auf die Gesamtbevölkerung übertragen wurden12. Was in etwa so aussagekräftig ist, als würde man 100 Friseure befragen, wie wichtig ein guter Haarschnitt für und Zufriedenheit ist.

2012 führte ein belgisches Forscherteam eine groß angelegte, repräsentative Untersuchung durch, die unter anderem zu dem Ergebnis kam, dass 99 Prozent der Befragten sehr wohl Begriffe, die im generischen Maskulin verwendet werden, als geschlechtsneutral wahrnehmen13.

Der Kabarettist Ebert denkt also wissenschaftlich kritischer über linguistische Fragen nach als z.B. unsere Leute in ‹gender studies›, die solche eigentlich auf der Hand liegende Forschungsergebnisse und kritische Überlegungen anscheinend lieber verschweigen – vermutlich weil diese nicht in ihren erwünschten ideologischen Kram passen.

So viel zur Qualität und Bedeutung jener Assoziationsstudien. Umgangssprachlich gesagt: die ‹genderlinguistischen› Interpretationen jener Assoziationsstudien sind für die Tonne. Und wer uns diese Interpretationen als wissenschaftliche Beweise für etwas aufschwatzen will, ist entweder unwissend oder dumm oder will uns betrügen (oder es liegt eine Kombination von mehr als einer dieser Möglichkeiten vor).

Wenn die «Genderlinguistik» nur das an Daten und wissenschaftlichen Argumenten hervorbringen kann, dann beginnt man zu verstehen, warum Prof. Nübling (s. oben) nicht auf eine ernsthafte, sachliche Verteidigung ihrer Standpunkte eingeht und stattdessen sich mit pauschalen Diskreditierungen ad personam von Kritikern zu verteidigen versucht. Sie hat offenbar nichts Besseres. Das Armutszeugnis ist deutlich.

Wir haben es hier also nicht mit ernstzunehmender Wissenschaft, sondern mit einer unkritischen Subjektivität zu tun, die uns aggressiv moralisierend als ‹wissenschaftlich› allgemeingültig aufgeschwatzt wird. Wie Prof. Dr. Ralf Vogel (Professor für germanistische Linguistik an der Universität Bielefeld) in seinem Artikel «Ist Gendern links?» sagt14:

Grundsätzlich, und das ist beim Gendern auch so, versucht hier eine Minderheit, der Mehrheit ihr Sprachgefühl aufzuzwingen: “Ich empfinde […] als diskriminierend, und wenn du das nicht genauso fühlst, dann stimmt mit deinem Sprachgefühl etwas nicht.”

Was genau an jenem verurteilten Sprachgefühl warum nicht stimmen sollte, wird von den Aktivisten entweder nicht begründet, oder die Begründung ist rein subjektiv, unhaltbar, schlecht. (Übrigens: Prof. Vogel beantwortet die Frage im Titel, ob Gendern links ist, mit einem klaren nein.)

Das Hauptsächliche, was die immer wieder erwähnten Assoziationsstudien uns sagen, ist die Subjektivität der Forscher und wie sie ihre Versuchspersonen führen wollten – und die Öffentlichkeit manipulieren wollen 15.

Es ist auch nicht relevant, wie viele solche Studien es gibt. Wenn das Grundprinzip falsch ist, taugen sie alle nicht.

Eine ausführliche Literaturliste zum Thema Assoziationsstudien finden Sie hier (unter «Zum Themenkomplex “Psycholinguistische Studien”»).

Beispiel einer Blamage

Tragikomisch wird es, wenn auch ein vom Fernsehen bekannter Astrophysiker sich von Genderaktivisten blenden lässt und meint, sich nach dem Lesen einer Assoziationsstudie als Sprachexperte darstellen zu können. Dieser Fall ist symptomatisch und verdient eine nähere Analyse:

Mein Kollege, der sonst so oft gescheite Harald Lesch (Astrophysiker, kein Sprachwissenschaftler), hat sich in seinem YouTube-Video «Gendern - Wahn oder Wissenschaft?» naiv von einer Assoziationsstudie irreführen lassen. In jener Studie wurden einige Versuchspersonen aufgefordert, die Namen ihrer Lieblingsmusiker und -sportler aufzuschreiben (Achtung: «nur die männliche Bezeichung», 6:07, ist falsch und zeigt schon Leschs Vorurteil, denn Wörter wie «Musiker» und «Sportler» sind Generika – wie ‹der Mensch› –, und keine ‹männlichen Bezeichungen›. Schon der Ansatz ist also falsch); dann wurde dies verglichen mit dem Resultat, wenn man eine zweite Gruppe nach den Lieblingsmusikern und -musikerinnen und -sportlern und -sportlerinnen fragte.

Und schau, da kam etwas Anderes heraus: mehr Frauen bei der zweiten Gruppe. (Achtung: die erste Gruppe nannte «vor allem», 3:54, – nicht ausschließlich! – männliche Personen. Die zweite Gruppe nannte «häufiger», 4:03, Frauen.) Abgesehen davon, dass nur zwei ziemlich kleine Gruppen von Versuchspersonen statistisch nicht so toll klingt, wurde hier völlig die Kontextualisierung übersehen. Wenn man nämlich explizit die femininen Spezifika auf -in verwendet, dann führt man die Versuchspersonen dazu, ausdrücklich mehr Frauen zu nennen (etwa: ‹wenn er unbedingt will, dass ich Frauen nenne, weil er so darum bittet, nu ja, dann kann ich auch die und die nennen›). Und dann hat man eben «häufiger» Frauen. Das Resultat der Studie ist also im Voraus programmiert; die Studie ist gesteuert, gelenkt, ist wissenschaftlich untauglich.

«Wer nur das generische Maskulinum benutzt, schränkt den inneren Blickwinkel ein», sagt Lesch. Nein, umgekehrt: Wenn man feminine Spezifika verwendet, wird die Aufmerksamkeit natürlich auf Frauen fokussiert, weil ein feminines Spezifikum keinen Mann bezeichnen kann.

Kommentare von Zuschauern im YouTube-Kommentarraum zum Video sind richtig: Ja, Herr Lesch treibt da minderwertige Wissenschaft. Um dies festzustellen, muss man selbst kein Wissenschaftler sein. – Bestimmt weiß der gute Mann mehr von Astrophysik als ich. Aber vielleicht führt das Beobachten von Sternen und anderen fernen Gegenständen im Weltraum zu einer Blindheit gegenüber dem, was in unserem Innersten lebt16, während viele Normalbürger nicht an dieser Blindheit leiden.

Er ist übrigens nicht der einzige Kollege an meiner Universität, der sich in der Öffentlichkeit zu sprachlichen Themen äußert, ohne viel Ahnung zu haben. So erzählt eine LMU-Wirtschaftsprofessorin in einer ZDF-Sendung Herrn Friedrich Merz von der CDU, dass im Deutschen und anderen Sprachen «das Männliche Standard ist» (ab 8:40); und kurz darauf, 9:00, erzählt Moderator Markus Lanz die von Luise F. Pusch verbreitete agitatorische Geschichte von den 99 Sängerinnen. Die Wirtschaftsprofessorin und Herr Lanz haben beide also nie verstanden (oder vielleicht vergessen oder verdrängt), was ‹generisch› bedeutet – es sei denn, sie wollen die Zuschauer absichtlich betören.

Und jetzt die Umkehrung des ‹bias›

Unsere Besprechung der Assoziationsstudien wäre nicht komplett, ohne dass wir einen Blick werfen auf eine Nachricht über eine Studie aus den Psychologischen Instituten der Unis in Kassel und Würzburg. Laut einer Nachricht des BR (Bayerischen Rundfunks) vom 15.03.2022 (abgerufen 27.10.2022):

In der Studie hat das Team rund 600 Probandinnen und Probanden Sätze mit drei verschiedenen Genderformen vorgelegt. Mal war von "Autor*innen" die Rede, dann nur von "Autoren" sowie in der dritten Version von "Autorinnen und Autoren". Dabei stellten sie fest: Auch das geschriebene Gendersternchen führt nicht dazu, dass Männer und Frauen vergleichbar stark wahrgenommen werden. Vielmehr denken Lesende in diesem Fall häufiger an Frauen als an Männer – aus dem "Male Bias" werde also ein "Female Bias".

Annähernde Gleichberechtigung in der Wahrnehmung gebe es nur bei konsequenter Verwendung von jeweils der männlichen und der weiblichen Version – wenn also zum Beispiel durchgehend von "Professorinnen und Professoren" die Rede ist.

«Annähernde Gleichberechtigung»? Vermutlich ist ‹Gleichheit› gemeint. Und wieder mal ist das keine volle Gleichheit, außer bei der umständlichen Form (nämlich der Doppelnennung).

Sprache erzeugt Bilder im Kopf. Bei einem Satz wie "189 Wirtschaftsprofessoren haben sich gemeinsam gegen die geplante Ausdehnung des Euro-Rettungsschirms ausgesprochen" denken die meisten Lesenden an eine große Gruppe von Männern.

Klar sei, das sogenannte "generische Maskulinum" bewirke eine erhöhte Wahrnehmung von Männern, heißt es in der Pressemitteilung der Universität Würzburg.

Wieder mal wurde die Kontextualisierung außer Acht gelassen. Jene Psychologen sind halt keine Sprachwissenschaftler und wussten offenbar nicht, was die richtigen Fragen wären. Hätte man nach den Autoren in der feministischen Zeitschrift Emma gefragt, dann hätten die Versuchspersonen sich bestimmt eher Frauen vorgestellt – wegen des Kontextes. Gesellschaftliche Realität kreiert ja die Assoziationen, nicht die Sprache an sich. (Und seien wir ganz ehrlich: Was hätte es uns konkret gebracht, wenn in jenem Satz «189 Wirtschaftsprofessoren und Wirtschaftsprofessorinnen» gesagt worden wäre? Oder etwas wie «92 Wirtschaftsprofessoren und 97 Wirtschaftsprofessorinnen»? Wäre dann die Aussage jener Gruppe von Menschen plötzlich viel richtiger, besser, nützlicher, vertrauenswürdiger gewesen? Warum wollen wir überhaupt jenen Bericht lesen? Ist die Sache nicht wichtiger als das Geschlecht jeder Person in jener Masse?)

Was diese Assoziationsstudie aber als Neues brachte, ist (a) dass offenbar keine einzige Form des Genderns eine völlige Geschlechterparität in den Vorstellungen der Versuchspersonen bringt, (b) alle Varianten des Genderns mit ‹-innen› dazu führen, dass man sich mehr Frauen als Männer vorstellt. Und das soll ‹Gerechtigkeit› oder ‹Gleichberechtigung› heißen. ‹Female bias› anstatt ‹male bias›: ist das wirklich eine Verbesserung?

Wir müssen einfach akzeptieren, (a) dass die soziale Wirklichkeit zu Standardvorstellungen (Verallgemeinerungen) über Geschlechterrollen führt, und dass man z.B. bei ‹Pflegepersonal› hauptsächlich an Frauen denkt, solange in der wahrnehmbaren Wirklichkeit die meisten in der Pflege Arbeitstätigen und als solche sichtbaren Personen Frauen sind. Und daran ist an sich nichts verkehrt; (b) dass Sprache nicht gerecht oder ungerecht ist, sondern einfach ist.

Neulich rief ich bei meinem Internetanbieter an wegen eines Problems. Der Mann, mit dem ich sprach, sagte mir, er würde mich an «die technische Abteilung» weiterleiten. Ich wartete kurz und war überrascht, eine sehr weibliche Stimme zu hören. Überrascht, weil ‹Technik› durch unsere soziale Wirklichkeit eher mit Männern als mit Frauen assoziiert wird. Diese Frau war kompetent, freundlich, deutlich, half mir. Es war eine in jeder Hinsicht positive Erfahrung (und ich bleibe weiterhin bei diesem Internetanbieter). Dennoch werde ich bei einem nächsten Gespräch mit irgendeiner technischen Abteilung wieder eher einen Mann an der Leitung erwarten – einfach weil die Wahrscheinlichkeit größer ist. Und diese Erwartung ist weder ‹gerecht› noch ‹ungerecht›.

Kann gegenderte Sprache überhaupt wirksam sein?

Genug zu Assoziationsstudien. Zurück zu Prof. Nübling und zu ihrem anderen Fehler:

Zweitens handelt es sich in dieser Frage des Genderns-oder-Nicht-Genderns um die Wirkungen und Wirksamkeit von geschlechtsbezogener Sprachänderung im allgemeinen. Da hilft es, die deutsche Sprache und die deutschsprachige Gesellschaft in einem breiten Vergleich zu sehen. Dazu ist es sinnvoll, nicht nur mit dem Deutschen, sondern auch mit anderen Sprachen (und mit deren Geschichte und Gesellschaften) bekannt zu sein. Sehen wir zum Beispiel das oben zitierte Fragment von Dr. Trutkowski über Länder mit genuslosen Sprachen. Wer sich nur im Deutschen auskennt, ist also im Nachteil.

Es geht nicht nur «ums Deutsche», wie Prof. Nübling sagt. Auch geht es nicht nur um ein neu geschaffenes Eckchen, das «Genderlinguistik» genannt wird und wo jemand sich zum Mitglied in einem Politbüro und damit zum ‹Experten› ausruft, zu inappellabler Person (Jaspers) erklärt wird und von außerhalb des eigenen Eckchens nicht kritisiert werden darf. Es geht um Sprache, und auch darum, was wir von anderen Sprachen lernen können. Was Prof. Nübling hier macht, kann man wieder als ein Beispiel der zerstörerischen «isolierenden Auflehnung» (Jaspers) sehen, wie das Gendern an sich schon ein Beispiel ist. Auch blendet sie aus, dass die deutsche Sprache immer schon von anderen Sprachen beeinflusst worden ist und Sinnvolles aus anderen Sprachen übernommen hat – wie alle lebenden Sprachen, deren Sprecher miteinander in Kontakt stehen.

Die niederländische Sprache ist hier besonders interessant, denn keine andere große Nationalsprache ähnelt dem Deutschen so stark. Und im Niederländischen ist seit Jahren die umgekehrte Tendenz sichtbar: die Abschaffung des femininen Spezifikums zugunsten des inklusivistischen maskulinen Generikums, wie es schon längst im Englischen geschehen ist und was eigentlich eine Rückkehr zu einem historisch ursprünglichen Zustand ist. Was spräche im Deutschen dagegen? Wäre das nicht wirklich konsequent, wenn es um die Beseitigung von ‹gender bias› geht, und besser als das sexualisierende Gendern, das Geschlechtlichkeit ständig hervorhebt17?

Wir wissen zum Beispiel, dass (a) die Mehrheit der Studenten z.B. an  unserer LMU München, aber auch anderswo, weiblichen Geschlechts ist, (b) obwohl in der Mehrheitsgesellschaft nicht gegendert wird und nicht ständig von «Student*innen» usw. die Rede ist. Niemand kann also ernsthaft behaupten, dass sogenannte «nicht gendergerechte» Sprache junge Frauen davon abhält, zu studieren! Auch werden Frauen in immer mehr unterschiedlichen Berufen aktiv. Es ist auch nur eine Frage der Zeit, dass mehr Frauen sich akademisch weiter qualifizieren (promoviert werden, usw.) und frei kommende Professuren besetzen. Dies ist ein natürlicher Prozess, der schon im Gange ist und nicht von sexualisierter, regressiver, diskriminierender Gendersprache vorangetrieben wird.

In ihrem Artikel «Das Problem mit den Gendersternchen» in der Berliner Zeitung schreibt Sabine Rennefanz18:

Ich glaube, die meisten Menschen wollen Sexismus, Rassismus und Diskriminierung abbauen, aber die Frage ist, ob die Konzentration auf die Umgestaltung der Sprache der richtige Weg dazu ist. Anders gesagt: Mich überzeugt die Argumentation nicht, dass Sprache zum Beispiel Frauen von Ambitionen abhält. Ich habe ein Schulheft, in dem meine Freundinnen und ich mit 14 etwas über uns geschrieben haben, Alter, Lieblingslieder, Lieblingsessen, eine Art analoges Facebook. Bei Berufswunsch schrieben meine Freundinnen: Anwalt, Lehrer, Forscher. Ich schrieb: Journalist. Nur weil wir die männliche Form benutzten, wäre es uns Mädchen nicht in den Sinn gekommen, dass uns nicht alle beruflichen Wege offenstünden.

Mit solchen einfachen Überprüfungen kann man schnell feststellen, dass die Bedeutung, die Assoziationsstudien zugeschrieben wird, einfach nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt19.

Anatol Stefanowitsch (Sprachwissenschaftler an der Freien Universität Berlin) behauptet20:

Öffentlich-rechtliche Sender wie alle Medien und auch alle Mitglieder der Sprachgemeinschaft sehen sich einem Problem gegenüber, nämlich dass dieses sogenannte generische Maskulinum, diese Tradition, semantisch männliche Personenbezeichnungen auch für gemischte Gruppen zu nehmen, dass das dazu führt, dass das Männliche in unserer Vorstellung zum Normalfall wird.

Schade nur, dass das «Problem» von Herrn Stefanowitsch ein vollkommen künstliches, imaginäres, eingebildetes, subjektives, willkürliches ist, und dass die Gesellschaft sich nicht gemäß seiner Vorstellung entwickelt. Egal, was er sich zu seinen assoziativen Vorstellungen und dem «Normalfall» denkt: die Gesellschaft geht ihren eigenen Weg, mit oder ohne seine politisch korrekte21 Sprache.

(Übrigens, falls jemand irrtümlich glaubt, dass Jugendliche alle gerne ‹politisch korrekt› sein wollen, dann empfehle ich das herrliche Video «Politisch korrekt», das 2013 beim 13. Jugendvideopreis Sachsen-Anhalt den 1. Preis gewann.)

Lustig und auffällig ist es, dass Herr Stefanowitsch hier im Namen von Frauen das Wort führt und ihm von einer Frau (der streitbaren Judith Sevinç Basad22) widersprochen wird. Auch fällt bei Stefanowitsch wieder mal die aktivistische sprachgeschichtliche Blindheit auf, die auch eine Blindheit für die aktuelle, etablierte Sprachverwendung ist. Es sieht so aus, als ob dieser arme Sprachwissenschaftler nie gelernt hat, was ein Generikum wirklich ist.

Wenn das alles keine wissenschaftliche Begründung hat, warum tun dann die Aktivisten, als ob es wissenschaftlich begründet wäre?

Weil sie autoritäre Amateurpolitiker sind. Wie Ingenieure an Maschinen herumbasteln, wollen gewisse Leute, die Geistes- und Sozialwissenschaften studiert haben, an uns Menschen und an der Gesellschaft herumbasteln. Nur sind Menschen keine Maschinen, und die Geistes- und Sozialwissenschaften sind keine Ingenieurswissenschaften. (Es geht in jenen Wissenschaften nämlich um verstehen, und nicht um zwingen und manipulieren.)

Für breite gesellschaftliche, politische Veränderungen braucht man Unterstützung aus der Bevölkerung. Diese haben die Genderaktivisten nicht. Manche missbrauchen ihre Stelle als Autoritätsträger (falls sie die haben) und versuchen es mit Zwang und Nötigung. Aber das darf nicht allzu auffällig werden und ist nur begrenzt wirksam. Also muss die Bevölkerung dazu überzeugt werden, diese Sprachfimmel zu akzeptieren und mitzumachen. (Über die hinter dem Gendern stehende Politik können Sie hier weiterlesen.)

Wie überzeugt man breite Schichten in der Bevölkerung? In früheren Zeiten nahm man die Bibel in die Hand, blätterte ein wenig, riss ein Zitat aus dem Kontext, interpretierte es frei und behauptete, es sei Gottes Wille, dass wir dem Sprecher gehorchen. Heutzutage, in einer säkularisierten Zeit, wo Bibelzitate eher Argwohn erwecken, macht man etwas Ähnliches mit Wissenschaft. Die Wissenschaft hat nämlich für viele Menschen die Stelle der Religion eingenommen und ist so zu einer Pseudo-Religion geworden.

Genau wie in manchen Teilen der Welt noch immer Menschen sofort beeindruckt sind und einknicken, wenn etwas im Namen der Religion behauptet wird, so hoffen die Genderaktivisten auf eine ähnliche Wirkung, wenn sie behaupten, dass ihre Sprachmarotten wissenschaftlich begründet sind. Und genau wie die meisten Menschen keine Theologen sind und auch nicht die Bibel gelesen haben, so wissen die meisten nicht, was Wissenschaft eigentlich ist.

Deshalb wurde in kommunistischen Diktaturen behauptet, dass der Marxismus ‹wissenschaftlich› sei. Deshalb war es für die Nazis ein Anliegen, ihre Rassenlehre als ‹wissenschaftlich fundiert› darzustellen.

Das Problem ist aber, dass Wissenschaft von ihrer Natur her extrem demokratisch ist. Sie basiert auf Fakten und Logik. Grundsätzlich kann jeder, der logisch denken kann und Zugang zu relevanten Daten hat, mitmachen. Wenn aber ein ‹Wissenschaftler› uns aus der Höhe belehrt, dass wir im Namen seiner Wissenschaftlichkeit seine ‹Empfehlungen› befolgen sollen, und wenn er schon auf einfache, auf der Hand liegende, seriöse Kritik arrogant reagiert mit ‹ich bin hier der Experte, halt die Klappe› (ohne die Kritik mit Argumenten zu entkräften), dann hat er sich selbst als ernst zu nehmenden Wissenschaftler disqualifiziert. Dann steht er auf derselben Ebene wie die Kommunisten mit ihrem ‹wissenschaftlichen› Sozialismus oder die Nazis mit ihrer ‹wissenschaftlichen› Rassenlehre.

Und genau das haben wir hier in Beispielen von Luise F. Pusch und Damaris Nübling. Der auf der Webseite zur «feministischen Linguistik» zitierte Beitrag von Pusch sollte eine Reaktion auf einen früheren, detaillierten, fundierten Beitrag von Prof. Dr. Walter Krämer (1. Vorsitzender des Vereins Deutsche Sprache) sein23; aber sie geht nicht auf seine Argumente ein und wiederholt bloß ihre subjektiven Behauptungen, im Möchtegern-68er-Stil (und wie die Neurologie uns lehrt: Wiederholungen lassen uns falsche Aussagen glauben, wie alle Benutzer der Großen Lüge schon längst wussten). Ein seriöser Wissenschaftler benimmt sich nicht so; eher ein Sektenführer tut das (im Stil von: ‹ich habe das Licht gesehen, gehorche und folge mir, denke nicht weiter›). Die respektlosen Diskreditierungen ad personam von Nübling, die an die Stelle einer rationalen Verteidigung ihrer Thesen treten, sind schon erwähnt worden.

Das ist keine Wissenschaft. Das ist Bluff und intellektuelle Armut.

Zusammenfassung

Die wichtigsten Punkte:

  1. Zwar rufen Genderaktivisten, dass ihre Behauptungen von ‹der Wissenschaft› unterstützt seien, aber was sie zitieren, ist untauglich, und kritische Gegenstimmen werden verschwiegen
  2. Echte Wissenschaft strebt nach objektivem Wissen, das allgemein gültig und nicht von subjektiven und persönlichen Wunschvorstellungen (z.B. religiösen, politischen, sentimentalen) der Forscher abhängig ist
  3. Wissenschaftliche Ergebnisse sollen überprüfbar sein; sie sollen so dokumentiert sein, dass jeder, der die Ergebnisse überprüfen will, es theoretisch tun kann
  4. Die Daten, die die Grundlage der Forschung bilden, sollen öffentlich zugänglich sein; auch soll die Methode der Auswertung der Daten nachvollziehbar sein
  5. Wissenschaft ist offen für Kritik und entwickelt sich ständig
  6. Vieles (anscheinend das meiste) aus der Forschung, das die Verwendung von Gendersprache unterstützt, ist wissenschaftlich untauglich, und die daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen sind nicht akzeptabel
  7. Um die Untauglichkeit der wissenschaftlichen Unterstützung für das Gendern zu vertuschen, weichen manche Befürworter des Genderns der Beantwortung von Fragen aus, fordern wegen ihres angeblichen Expertentums Immunität gegen Kritik, und greifen Kritiker auf irrelevante, persönliche Weise an
  8. Falsche Behauptungen, dass wissenschaftliche Forschung die Verwendung von Gendersprache unterstützt, dienen der Umgehung natürlicher kultureller, und der Aushöhlung demokratischer, Prozesse
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(Stand: 23.01.2026)


  1. «Sprache hat nicht die Funktion, Gerechtigkeit abzubilden». https://www.uni-muenster.de/news/view.php?cmdid=12807.↩︎

  2. Auch dies wird oft vergessen: Wissenschaft beruht auf Fakten (Tatsachen) und deren Deutung. In der sogenannten «feministischen Linguistik» läuft einiges in der Deutung schief, auch weil man absichtlich gewisse Tatsachen ausblendet.↩︎

  3. Man denke z.B. an die heftigen Debatten unter Gesundheitsexperten über die Covid-19-Pandemie.↩︎

  4. Man wird hier erinnert an ähnliche, neu ins Leben gerufene Fächer wie Postcolonial Studies und Gender Studies, wo schon im Voraus feststeht, was die Forschungsergebnisse sein müssen: alle Schuld für heutige Missstände in Entwicklungsländern liegt bei ‹Weißen› (d.h. dass die historische Rolle von Imperialisten und Sklaventreibern nichteuropäischer Herkunft und die eigene Verantwortung bei Völkern in Entwicklungsländern ausgeblendet werden), und Männer sind schuld an jegliche Unzufriedenheit, die eine Frau ausspricht. Solche einseitige, ideologisch motivierte, pauschal diskriminierende Schuldzuweisungen sind verlockend schön einfach, aber es handelt sich hier allzu oft nicht um Wissenschaft, sondern um diskriminierende Politik für Denkfaule. (Man erkennt solche neue ‹Fächer› in der Regel schnell daran, dass sie sich einer total unnötig englischen Terminologie bedienen. Das klingt cool.)↩︎

  5. Gendern ist offenbar schwierig, auch für die Befürworter. Unterzeichnen die «Unterzeichnenden» noch immer, wie das Präsenspartizip suggeriert? Wie die bekannten ‹toten Radfahrenden› in Berlin anscheinend noch immer fahren, obwohl sie tot sind? Und das lateinische «Emeriti» ist männlich: warum spricht Prof. Nübling nicht von «Emeriti und Emeritae»?↩︎

  6. https://www.linguistik-vs-gendern.de/media/sprachwissenschaftler_gegen_gendern_im_oerr_erstaunliche_ignoranz_-_welt.pdf↩︎

  7. Im Artikel «Gegenderter Duden: „Das bildet nicht die Sprachwirklichkeit ab“» https://www.welt.de/kultur/article223818452/Gegenderter-Duden-Das-bildet-nicht-die-Sprachwirklichkeit-ab.html.↩︎

  8. Ewa Trutkowski über das Gendern: https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/gespraech-mit-ewa-trutkowski-100.html↩︎

  9. «Als Sprachwissenschaftler und Philologen kritisieren wir ferner, dass an Stelle von sprachsystematischen und sprachlogischen Betrachtungsweisen zunehmend psycholinguistische Studien herangezogen werden, um Veränderungen des Sprachgebrauchs zu legitimieren. Diese Studien liefern keinen belastbaren Beleg dafür, dass generische Maskulina mental vorrangig „Bilder von Männern“ erzeugen. Vielmehr zeigt sich, dass die Kontextbindung, die zur Unterscheidung eines generischen von einem spezifischen Maskulinum entscheidend ist, in solchen Studien in wissenschaftlich unzulässiger Weise ausgeblendet wird. Es kann mithin aufgrund fehlerhafter Studiendesigns nicht als empirisch gesichert gelten, dass generische Maskulina (Genus) vorrangig im Sinne von „männlich“ (Sexus) gelesen werden (Zifonun 2018, Payr 2022, Kurfer 2022). Die pauschalisierende Bewertung des generischen Maskulinums als grundsätzlich diskriminierende Sprachform ist auf wissenschaftlicher Basis nicht begründbar.»↩︎

  10. https://www.berliner-zeitung.de/open-source/streit-ums-gendern-nein-die-deutsche-sprache-diskriminiert-frauen-nicht-li.246245↩︎

  11. Vince Ebert, Wot se Fack, Deutschland? München: DTV, 2025 (2. Auflage). S. 83-84.↩︎

  12. J. Misersky, A. Majid, T.M. Snijders, «Grammatical Gender in German Influences Hwo Role-Nouns Are Interpreted. Evidence from ERPs», in: Discourse Processes, 56(8):1-12, 2018 DOI:10.10180/0163853X.2018.1541382 (Verweis im Buch von Ebert, S. 292).↩︎

  13. M. De Backer, L. De Cuypere, «The Interpretation of masculine personal pronouns in German and Dutch: A comparative experimental study», in: Language Science, 34(3), 2012, DOI:10.1016/j.langsci.2011.10.001 (Verweis im Buch von Ebert, S. 292). Auch erhältlich unter https://backoffice.biblio.ugent.be/download/3197217/6788981. Wenn man diese Studie durchgelesen hat, dann wird einem klar, dass so viele Faktoren eine Rolle spielen, dass eine Verallgemeinerung praktisch unmöglich ist. So wird u.a. sorgfältig unterschieden zwischen ‘occupational nouns’ und ‘non-occupational nouns’ (also zwischen Substantiven, die einen Beruf andeuten, und solchen, die das nicht tun), und zwischen Singular- und Pluralformen. Dann sieht man, z.B., dass “a plural noun of a non-occupational type had a probability (in this dataset) of 99% of being interpreted as neutral”, aber “[w]ith singular nouns, an occupational noun had a larger probability of being interpreted as non-neutral than a non-occupational noun” – ein Beweis dafür, dass das Ergebnis nichts mit der Struktur der deutschen Sprache an sich zu tun hat, sondern mit der sozialen Wahrscheinlichkeit, dass ein Vertreter eines gewissen Berufes das eine oder das andere Geschlecht hat. Ein anderer Faktor ist die Frequenz, mit der ein Wort überhaupt in der Sprache benutzt wird.↩︎

  14. Ralf Vogel, «Ist Gendern links?» https://www.nachdenkseiten.de/?p=87304↩︎

  15. Eine alternative Erklärung wäre natürlich, dass jene Forscher dumm sind. Ich weiß nicht, was schlimmer ist.↩︎

  16. Auf Gendern - Wahn oder Wissenschaft? Leschs Kosmos (Ganze TV-Folge) | Harald Lesch kann man es alles sehen: technisch schön profihaft gemacht, inhaltlich übel amateuristisch (falls nicht absichtlich trügerisch).↩︎

  17. Man kann das merkwürdige deutsch-nationale Argument ins Spiel bringen, dass Deutsch einen eigenen Sonderweg gehen muss. In einer öffentlichen Diskussion an unserer LMU München hatte jemand eine wirklich spektakulär dumme Antwort, als ich diese Frage in einer von ihr veranstalteten ‹Diskussionsrunde› stellte: die Antwort lautete «In Deutschland sind wir noch nicht so weit.» – Solcher Unsinn bestätigt, dass es den Gendersprech-Aktivisten darum geht, selbst geschaffene Probleme nie zu lösen, damit sie für alle Ewigkeit weitermeckern und wichtig tun können.↩︎

  18. https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/das-problem-mit-dem-gendersternchen-li.144196.↩︎

  19. Siehe «Gendern im Journalismus. Schreiben und sprechen für alle Geschlechter», https://www.deutschlandfunk.de/gendern-im-journalismus-schreiben-und-sprechen-fuer-alle-100.html, wo behauptet wird, dass «das generische Maskulinum immer noch deutlich überrepräsentiert» sei. Der Ausdruck «überrepräsentiert» ist deutlich eine Bewertung aus einer unwissenschaftlichen, anti-demokratischen, ideologischen Sicht.↩︎

  20. «Judith Sevinç Basad vs. Anatol Stefanowitsch: Sollen die Öffentlich-Rechtlichen gendergerecht sprechen?» https://www.deutschlandfunk.de/judith-sevinc-basad-vs-anatol-stefanowitsch-sollen-die-100.html.↩︎

  21. Stefanowitsch spricht ganz offen darüber, was er als die Notwendigkeit ‹politisch korrekter› Sprache sieht. Dazu denke ich Folgendes: «The term political correctness first appeared in Marxist-Leninist vocabulary following the Russian Revolution of 1917. At that time it was used to describe strict adherence to the policies and principles of the Communist Party of the Soviet Union, that is, the party line.» Siehe https://en.wikipedia.org/wiki/Political_correctness#Early-to-mid_20th_century.↩︎

  22. Für mehr Information über Judith Sevinç Basad siehe hier.↩︎

  23. Walter Krämer, «Sprache und Geschlecht - Weg mit dem Gender-Unfug!», Cicero Online, 21.09.2020: https://www.cicero.de/kultur/gendergerechte-sprache-gendern-argumente-genderstern-sprachwissenschaft.↩︎